Gennady Gorelik
“Meine antisowjetische Tätigkeit”:
russische Physiker unter Stalin
Übersetzung: Dr. Helmut Rotter
Braunschweig; Wiesbaden: Vieweg, 1995
ISBN 3-528-06584-2
Vorwort: Ein Blick auf die Geschichte der sowjetischen Physik
1 Statt einer Einleitung: Die Story einer Bekanntschaft ... l
1.1 Das Treffen. ... 4
1.2 Geständnis ... 12
1.3 Ein letzter Briefwechsel ... 16
1.4 Der Mitarbeiter ... 19
1.5 Noch einmal der alte Kämpfer ... 28
2 Drei Marxisten in der sowjetischen Physik der 30er Jahre ... 32
2.1 Das Bildtelegramm ... 32
2.2 “Diversion in der Wissenschaft” ... 36
2.3 Gesinnungsgenossen? ... 39
2.4 Was ist auf den Koordinatenachsen aufgetragen? ... 43
2.5 bolschewistischer Geist ist nicht spürbar” ... 46
2.6 Jahre später. ... 50
3 Johnny” Gamow - kommissarischer Vizedirektor Des PhIAN ... 54
3.1 Physik in Leningrad 1931 ... 54
3.2 Ein Akademie-Institut für theoretische Physik oder für Physik?. ... 57
3.3 Ein “empörender und taktloser” Plan ... 58
3.4 “In der Klasse protestierte man...” ... 61
3.5 .Akademiemitglied Wawilow ist hinzuzuziehen” ... 63
3.6 Für immer fort aus Rußland ... 65
3.7 “Solche Menschen sind stets selten” ... 68
4 Mikrophysik des Kosmos im Leningrad der 30er Jahre ... 71
4.1 cGh — der Weg zur Theorie der Quantengravitation . . ... 72
4.1.1 Die universellen Konstanten c, G, h ... 12
4.1.2 Die Lichtgeschwindigkeit c - 1676 und 1905 . ... 73
4.1.3 Das erste Produkt c x G: Von Newton zu Einstein 75
4.1.4 Planck 1899: (c, G, b) ... 78
4.1.5 Einstein 1916: cG und h ... 80
4.1.6 Grundlegung der Physik aus der cGh-Sicht . . ... 83
4.2 Weltkonstanten und Leningrader “Theoretik” ... 84
4.3 Matwej Bronstein 1935: (cG) x h = (ch) x G = ? . . ... 90
4.4 Meßbares und Nichtmeßbares ... 91
4.5 Expansion des Kosmos im Jahre 1937 ... 95
5 Moskau. Physik. 1937. ... 98
5.1 Der wissenschaftliche Vizedirektor des PhIAN . ... 101
5.2 “Vollständig entlarven!” ... 104
5.3 Rumer: .für niemanden außer ihn bürge ich.” ... 106
5.4 “Hat nicht Gessen Komplicen um sich zu sammeln ver sucht?' ... 109
5.5 Der Verwalter ... 111
5.6 Wuls “Theorem” ... 113
5.7 Tamm: Jch habe nichts zu verbergen.” ... 116
5.8 Blochinzew: “Weder ein wissenschaftliches noch ein gesellschaftliches Kollektiv ...” ... 122
5.9 Wawilow — ein “denkender, parteiloser Bolschewik” . ... 125
5.10 Wissenschaft und reales Leben ... 127
5.11 Anhang: Aus der Ermittlungsakte Gessen ... 132
6 Philosophie und Physik im Jahre 1937 ... 134
6. l Physiker und Philosophie in den ersten zwei Jahrzehnten der Sowjetära ... 134
6.2 Eine Tagung, die nicht zustande kam ... 143
6.3 “Hätte man seine Kräfte besser nutzen können?' ... 153
7 Denen keine Zeit blieb, Akademiemitglied zu werden ... 157
7.1 Bronstein, Schubin und Wirt im Urteil von Zeitgenossen ... 160
7.2 Todesjahr: 1938 Todesort: - Todesursache: - ... 169
7.3 Wen verlor die Wissenschaft mit den drei Physikern? . ... 172
7.4 Anhang: Briefe von Alexander Witt (August – Dezember 1937) ... 175
8 “Meine antisowjetische Tätigkeit...” - Sieben Jahre plus ein Kerkerjahr ... 184
8.1 Physikgeschichte und die KGB-Archive ... 184
8.2 Die Sache Landau ... 189
8.3 Kampf gegen den “Diamat” ... 195
8.4 , , Nur die staatliche Lenkung der Wissenschaft...” . . ... 198
8.5 “Subversive Tätigkeit” zur Teilung des UPhTI ... 202
8.6 Das Jahr 1937 ... 207
8.7 Wer verfaßte das Flugblatt? ... 212
9 Die sowjetische Physik am Vorabend des Großen Terrors -Stimmen ausländischer Physiker ... 220
9.1 Physiker und Sozialismus aus dänischer Sicht ... 220
9.2 Die sowjetische Physik Mitte der 30er Jahre aus US-amerikanischer Perspektive ... 223
10 Physik an Universität und Akademie - oder: Wissenschaft im starken sozialen Feld ... 229
10.1 Brief von Konobejewski an Stalin ... 232
10.2 “Der ideologische Kampf in der sowjetischen Physik” 1947-1953 ... 235
10.3 Brief von Predwoditelew an den Akademie-Sekretär . . 241
10.4 Zwei russische Physikerleben und das Los der sowjetischen Physik ... 245
10.5 Zur Theorie des starken sozialen Feldes ... 251
11 Pjotr Kapitza und Lew Landau - oder: Die sowjetischen Physiker und der Sozialismus ... 256
11.1 Kapitza und Landau in den 30er Jahren ... 258
11.2 Die Physiker und die sozialistische Idee ... 261
11.3 Kapitza und die sozialistische Praxis ... 265
11.4 Landau über den sowjetischen Sozialismus mit KGB-Ohren ... 273
11.5 Eine halbe Generation in der Sozialgeschichte der sowjetischen Physik ... 278
12 Statt eines Epilogs: Ein halbes Jahrhundert später ... 281
12.1 Was die Archive des NKWD-KGB sagen ... 281
12.2 Die letzten Wochen in der Kerkerzelle ... 285
12.3 Subnukleare Physik: Matwej Bronstein und Ettore Majorana ... 287
Literaturverzeichnis ... 293
Personenverzeichnis ... 296
Die Beiträge russischer Physiker zur Physik des 20. Jahrhunderts -der Jahrhundertwissenschaft, die die Weltgeschichte beeinflußte, - sind nicht nur in Fachkreisen bekannt. Hingegen ist die Sozialgeschichte der Physik in der “geschlossenen” sowjetischen Gesellschaft weitgehend eine terra incognita geblieben. Diesen sozialgeschichtlichen Hintergrund zu erhellen und die Schicksalswege derjenigen, die die sowjetische Physikgeschichte schrieben, anhand von Dokumenten nachzuzeichnen, ist das Anliegen des hier vorgelegten Buches des russischen Physikhistorikers Gennady Gorelik.
Der zeitliche Schwerpunkt des Buches liegt keineswegs zufällig bei den 30er Jahren. Mitte der 30er Jahre schaffte die sowjetrussische Physik den Anschluß an das Weltniveau, wie die Nobelpreise an sowjetrussische Physiker bezeugen. Dieser Mitte der 30er Jahre erreichte Stand der physikalischen Forschung in der Sowjetunion war die Voraussetzung für deren Aufstieg Ende der 40er Jahre zur Atommacht. Die personelle Basis für diese Entwicklung bildeten die jungen Physikertalente der 30er Jahre, soweit sie den Großen Terror 1936-1938 überlebt hatten.
Wie diese Terrorwelle die Physiker konkret traf, führt der Autor dem Leser an bewegenden Beispielen vor Augen. Das tragische Schicksal des vielseitigen theoretischen Physikers Matwej Bronstein, zum Freundeskreis des jungen Gamow und Landau zählend, war für den Autor, der mit Bronsteins Arbeiten seit langem engstens vertraut ist, der Beweggrund, diesem Schicksal und dem seiner Freunde und gleichaltrigen Fachkollegen nachzugehen.
Jahrelange Archivstudien, ergänzt durch Interviews kompetenter Zeitzeugen, förderten reichhaltiges Quellenmaterial über die sowjetische Physik in den 30er Jahren zutage. 1991 konnte der Autor schließlich im Hauptarchiv des damaligen KGB Einblick in die Prozeßakten der
30er Jahre von russischen Physikern nehmen, unter anderem in die Akte Landaus aus dem Jahre 1938. Anhand dieser einmaligen Dokumente entwirft G. Gorelik ein facettenreiches Bild vom Leben der russischen Physiker in den 30er Jahren und von ihrem widersprüchlichen Verhältnis zum sowjetischen Sozialismus. Das neue Quellenmaterial läßt teilweise recht unerwartete Schlüsse über Handlungsmotive der Protagonisten der sowjetischen Physik zu.
Der Autor wendet sich an einen breiten Leserkreis: an den Physiker und den Wissenschaftshistoriker, aber auch an den interessierten Laien. Bei der Einordnung des neuen Materials in den zeitgeschichtlichen Zusammenhang hat der Übersetzer an Stellen, die beim Leser detailliertere Kenntnis der sowjetischen Vergangenheit voraussetzen, versucht, dem Leser durch Anmerkungen eine Orientierungshilfe zu geben.
Die ursprünglich geplante russische Buchausgabe scheiterte aus finanziellen Gründen. Dank dem Interesse des Vieweg-Verlags erscheint das Buch des russischen Wissenschaftshistorikers zuerst in deutscher Übersetzung. Es trägt dazu bei, ein spannungsreiches, leidvolles Kapitel der sowjetischen Wissenschaftsgeschichte aufzuarbeiten und die Informationslücke, die zwischen physikalischem “Ideendrama” und dem sozialen und individuellen Drama der russischen Physiker unter dem sowjetischen Regime besteht, zu schließen.
H. Rotter
Dresden, im August 1994
Das Attribut sowjetisch löst jetzt auch im Land seiner Herkunft unverhüllt heftige Emotionen aus, die von Haß bis Nostalgie reichen. Demjenigen, der auf die Ereignisse in Rußland von außerhalb blickt, fällt es leichter, im Chaos der gegenwärtigen politischen Vorgänge das Ende nahezu einer ganzen Zivilisation zu erkennen, vergleichbar - wenn nicht dem Charakter nach, so doch nach dem Ausmaß ihres Einflusses auf die Geschicke der Welt - sehr wohl mit anderen großen Zivilisationen der Weltgeschichte. Ihre vergleichsweise nur kurze Zeitdauer wurde durch ihre räumliche Ausdehnung durchaus überkompensiert: Welche andere Zivilisation konnte sich rühmen, über ein Sechstel der Erdoberfläche geherrscht zu haben!
Ein solch objektivierender Blick auf die Geschichte der Sowjetunion erleichtert es, sie zu begreifen. Ausschließlich in der Absicht, historische Distanz zu gewinnen, verwenden wir in dem hier vorgelegten Buch den Terminus sowjetisch.
Das sowjetische Sozialisierungsexperiment fiel in eine Phase der Menschheitsentwicklung, als die Naturwissenschaften eine sehr starke soziale Kraft erlangten. Deshalb ist die Geschichte des Sowjetregimes nicht von der Geschichte der Wissenschaften in der Sowjetunion zu trennen.
Auf den ersten Blick scheint die Geschichte der sowjetischen Physik der Vorstellung vom bitteren Schicksal der Wissenschaft in einer totalitären Gesellschaft zu widersprechen, denn der Sowjetstaat versäumte es nicht, die Erfolge in der Kerntechnik und Raumfahrt gebührend zur Schau zu stellen. Die Urteile über Physik und Sowjetherrschaft sind sehr unterschiedlich und ähneln sich lediglich hinsichtlich ihrer zu großen Vereinfachung. Die einen wollen die Erfolge der sowjetischen Physik durch das noch fortwirkende vorrevolutionäre Erbe erklären, andere schlechtweg durch Atom- und sonstige Spionage. Dritte sehen in der Physik die Urheberin aller heutigen irdischen Mißstände und sind deshalb nicht im geringsten über das Aufblühen der Physik unter der teuflischen Sowjetherrschaft verwundert sowie darüber, daß die Sowjetmachthaber ihr Schaufenster mit den diabolischen Errungenschaften der Physik schmückten.
Schaut man hinter die Machtfassade, so vermag man sich davon zu überzeugen, daß sich die sowjetische Physik nach der Oktoberrevolution tatsächlich außerordentlich kraftvoll entfaltete. Aber dies geschah vor dem Hintergrund der Zerschlagung der Geisteswissenschaften und der Unterdrückung der Biologie.
Eine eingehende Prüfung ergibt, daß das “spezifische” Gewicht der Beiträge der sowjetischen Physik zum Weltfundus des physikalischen Wissens in den 30er Jahren ein Maximum erreichte. Die späteren Erfolge in der Kerntechnik und Raumfahrt sind im wesentlichen Früchte, eher “Nebenprodukte” der 30er Jahre, als ihre Schöpfer am Beginn ihrer wissenschaftlichen Laufbahn standen. Der anfängliche Aufschwung der Physik in der Sowjetära bleibt als eine unbestreitbare Tatsache bestehen.
Dieser Aufschwung der Physik unter dem totalitären sowjetischen Regime hatte überaus materielle Hintergründe. Die Behauptung der usurpierten Macht, die Errichtung und Konsolidierung des neuen Staates und die forcierte Industrialisierung begünstigten die Entwicklung der auf den Naturwissenschaften, hauptsächlich Physik, beruhenden Technik (einschließlich der Militärtechnik). Dementsprechend wurde die Physik vom Staat großzügig gefördert - durch Bereitstellung überproportional reichlicher Mittel, verglichen mit dem Lebensstandard des sowjetischen Durchschnittsbürgers, aber auch gemessen an den Verhältnissen im kapitalistischen Westen, den gegen Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre eine weltweite Wirtschaftskrise erschütterte.
Die sowjetrussische Physik, von der sowjetischen Propaganda gern auf den Stand der russischen Physik im letzten Vorkriegsjahr 1913 bezogen, startete 1918 im Vergleich mit anderen exakten Wissenschaften von einem beträchtlich unter dem Weltniveau liegenden Stand: Nur vereinzelt hoben sich erstklassige Arbeiten vom sehr provinziellen Durchschnittsniveau ab.
Während die Geisteswissenschaften in Sowjetrußland einer konsequenten Verwüstung durch Ideologisierung ausgesetzt waren, wurde in der Physik gewissermaßen Neuland unter ausgiebiger Bewässerung erschlossen. Die erste Ernte fiel besonders ertragreich aus, denn als Agronomen betätigten sich wissenschaftliche Autoritäten, die ihre Ausbildung noch unter dem “alten” Regime erhalten hatten und ihrer Wissenschaft aufopferungsvoll dienten.
Aber auch weniger materielle Umstände begünstigten den Aufschwung der sowjetischen Physik. Der Marxismus, entstanden in einer Epoche und unter dem Einfluß triumphaler Erfolge der Naturwissenschaften, hatte sich den Terminus Wissenschaftlichkeit — ja, sogar noch mehr: Naturwissenschaftlichkeit — auf seine Fahne geschrieben und versuchte in vielerlei Hinsicht, die siegreiche Methodologie der exakten Naturwissenschaften auf die Untersuchung des gesellschaftlichen Lebens zu übertragen. Hieraus erklärt sich das Wohlverhalten der in der Sowjetunion herrschenden Ideologie gegenüber der Physik als der fundamentalsten der Naturwissenschaften. Die Ferne des Gegenstandes der physikalischen Grundlagenforschung vom gesellschaftlichen Leben sowie ihre “Strenge, , bewahrten sie weitgehend vor der zerstörerischen ideologischen Kontrolle. Infolgedessen befand sich die Physik in der Rolle der wohl privilegiertesten Wissenschaft der Sowjetunion. Dies wiederum nährte bei den Physikern Sympathie mit der neuen Macht, die der Entwicklung ihrer Wissenschaft, dem Hauptinhalt ihres Lebens, offenbar große Bedeutung beimaß.
Nach dem Großen Umbruch, wie Stalin 1929 die Situation in Sowjetrußland selbstherrlich bezeichnete, bringt die totalitäre Staatsgewalt alle übrigen Lebensbereiche der Gesellschaft unter ihre Kontrolle. Die Eroberung folgte dem landläufigen Schema: linientreue Leute einschleusen und Kräfte konsolidieren, Druck ausüben, zentralistischen Leitungsapparat etablieren, planen und kontrollieren. Mit der Unterwerfung der Akademie der Wissenschaften im Jahre 1929, ihrer Sowjetisierung, begann zugleich die Einführung zentralistischer staatlicher Leitungsstrukturen in die Wissenschaftsadministration. Hauptstoßrichtung dieses Prozesses war die Bürokratisierung der Organisation der Forschung.
In den 20-30er Jahren hatten echte Physiker die Lenkung ihrer Wissenschaft inne, Männer, die ihr wahrhaft dienten und sie voranbrachten: Lasarew, Joffe, Roshdestwenski, Obreimow, Wawilow, Kapitza. Diese Physiker wurden Institutschefs aufgrund ihrer wissenschaftlichen Leistungen und organisatorischen Fähigkeiten und genossen das Vertrauen ihrer Kollegen. Sie nutzten die exponierte Stellung ihrer Person zum Besten der Wissenschaft. Ein solcher autoritärer Führungsstil hatte in der Wissenschaft außer Vorzügen selbstverständlich auch Nachteile aufzuweisen.
Vergleichsweise großzügige Finanzierung und gleichsam neulandartiger Anfangszustand ließen die Anzahl der Physiker rasch steigen - um einen Faktor zehn im Verlaufe von zehn Jahren seit Mitte der 20er Jahre. Derart weitgeöffnete Tore, die zahlreichen Begabungen den Weg in die Physik freigaben, ließen zwangsläufig auch so manche mittelmäßige, “graue, , Kandidaten passieren. Anfangs zeigten solche Paraphysiker (von Parasit?), da sie untergeordnete wissenschaftliche Stellungen bekleideten, kaum eine hemmende Wirkung. Dagegen traten in den damaligen Pionierzeiten, unter neulandartigen Bedingungen, die jungen Talente rasch zutage, zieht man insbesondere den damaligen Ansturm des Neuen in der Physik in Gestalt der Quanten- und Relativitätstheorie sowie die noch funktionierenden Kontakte mit den Physikern Westeuropas in Betracht.
Aber einen derart positiven Verlauf nahm die Entwicklung der Physik in Rußland nur in der ersten Phase - bis zum Jahre 1937. Zu diesem Zeitpunkt erfuhr die Wachstumskurve der sowjetischen Physik einen Knick nach unten, verursacht durch die kombinierte Wirkung zweier verschiedener Faktoren - des Stalinschen Terrors und der Etablierung der zentralistischen Wissenschaftsorganisation.
Der Große Terror des Jahres 1937 beraubte die Physikerschaft markanter und vielversprechender Begabungen. Das Ausmaß der Verluste läßt sich daran ermessen, daß von der Generation der damals dreißigjährigen, also im besten Schaffensalter stehenden theoretischen Physiker nur ungefähr die Hälfte überlebte. Irreparable Zerstörungen durch den Indi-vidualterror erlitt beispielsweise eine solch wichtige Ausbildungsstätte wie die Physikalische Fakultät der Moskauer Universität oder eine sich derart dynamisch entwickelnde neue Forschungsstätte wie das Ukrainische Physikalisch-Technische Institut in Charkow.
Allmählich festigten die Paraphysiker, für die weniger die Wissenschaft als der eigene soziale Status wichtig war, ihre Stellung in der Hierarchie der Wissenschaftsorganisation. Unter dem Einfluß dieses Faktors und weiterer sozialer Momente etablierte sich gegen Ende der 30er Jahre ein pyramidenartiger, zentralgesteuerter Organisationsmechanismus in der sowjetischen Wissenschaft, verkörpert insbesondere in der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Nach bürokratie-immanenten Gesetzen begann der bürokratische Apparat zu wuchern und immer träger zu reagieren; er verknöcherte zunehmend und hemmte die Entwicklung der Wissenschaften.
Das nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einsetzende wissenschaftsintensive atomare Wettrüsten steigerte erneut das Interesse des Staates an der Physik und löste einen erhöhten Zustrom materieller und personeller Ressourcen aus. Dies zögerte die negativen Auswirkungen des bürokratischen Kommandosystems auf die Naturwissenschaften für etwa anderthalb bis zwei Jahrzehnte hinaus. Anfang der 60er Jahre hatte das gesellschaftliche Prestige der sowjetischen Physik sein Maximum überschritten. Universelle soziale Systemgesetzmäßigkeiten und inner-disziplinäre Faktoren ließen sich nicht außer Kraft setzen und forderten schließlich ihren Tribut. Das übermäßig bewässerte anfängliche Neuland hatte sich in eine ausgebeutete Sumpflandschaft verwandelt, die von Grund auf einer Melioration bedurfte.
Die Klammer für die Kapitel des vorliegenden Buches bildet das Schicksalsjahr 1937, Symbol des Stalinschen Terrors, zweifellos einer der schrecklichsten Augenblicke in der russischen Geschichte. Dieser geschichtliche Augenblick, der etwa zwei Jahre währte, kostete viele meiner besten Landsleute das Leben. Ihr Tod lastet schwer auf der russischen Kultur. Auch die damals kraftvoll aufstrebende russische Physik wurde empfindlich getroffen und erlitt unersetzliche Verluste an Begabungen.
Das schlimme Jahr 1937 suchte Rußland nicht zufällig heim. Es folgte auf das Jahr 1917 und ging noch weiteren fünf Dezennien sowjetischer Geschichte voraus. Zu begreifen vermag man alle diese Jahre nur in ihrem wechselseitigen Zusammenhang. In jener vom Terror des Jahres 1937 überschatteten Zeit trat der russische Physiker und künftige Weltbürger Andrej Sacharow seinen Weg in die Wissenschaft an.
Das vorliegende Buch entstand auf der Grundlage neuen Archivmaterials und der Befragung von Zeitzeugen. Einen Großteil des Archivmaterials verdankt der Autor Galina Sawina. Bei der Arbeit mit dem Interviewmaterial unterstützte Irina Dorman den Autor in vielfältiger Weise. Äußerst hilfreich waren Gespräche mit Jewgeni Feinberg, Korrespondierendes Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften, und mit Pawel Rubinin, dem langjährigen Referenten P. Kapitzas, sowie Diskussionen mit Kollegen. Ihnen allen möchte der Autor an dieser Stelle danken.
Die Geschichte der sowjetischen Physik in den 30er Jahren sei, so heißt es, mein bevorzugtes Arbeitsfeld. Im großen und ganzen trifft dies auch zu. Diese Geschichte und diese Jahre begannen mich jedoch deshalb zu interessieren, weil mich ein ganz konkreter Mensch zutiefst beschäftigte - Mitja Bronstein, der herausragende sowjetische Physiker Matwej Petrowitsch Bronstein, Matwej - Mitja? Ja, auch der Abt und MP genannt.
Ich gebe ehrlich zu, daß mir niemand das Recht gab, von ihm so familiär zu sprechen - Mitja hieß er in der Kindheit nur im Familien-, später im Freundeskreis. Zu meiner Rechtfertigung könnte ich anführen, daß ich wirklich sehr viel Wissenswertes über ihn zusammengetragen habe - von wem meiner nächsten Angehörigen wüßte ich so viel zu sagen? Und außerdem bin ich doch jetzt älter, als er je wurde! Ich war in seinem damaligen Alter, als ich alles über ihn wissen wollte - alles, was man nur über einen Menschen vierzig Jahre nach seinem Tod zu erfahren vermag. Und mit jedem Jahr wurde er, verglichen mit mir, immer jünger. Indessen - wer bedarf meiner Rechtfertigungen, insbesondere zum Kapitel des Alters?
Erst kürzlich begriff ich, daß ich innerhalb der Geschichte des Sowjetlandes den Abschnitt von dessen Kindheit bis zu seiner Volljährigkeit untersuche. Mit 21 Jahren werden einem Menschen vom Staat alle staatsbürgerlichen Rechte zuerkannt. Zeichnet sich vielleicht auch für ein Staatswesen dieses Alter durch etwas Besonderes aus?... 1938 wäre mein Held 32 Jahre alt geworden, aber er erreichte dieses Alter nicht. Neuneinhalb Monate fehlten ihm bis zu diesem seinem Geburtstag. Doch davon später. <>
Bei einigen russischen Vor- und Vatersnamen
kommt es zu einer Diskrepanz zwischen russischem Initial und der der
Aussprache
folgenden deutschen Transskription, z. B.: E. - Jewgeni bzw.
Jewgenjewitsch.
(sh entspricht j in Journal.)
Achmatowa, Anna 285, 291
Akulow, N. S. 235, 237, 243, 245
Alichanow, Abraham 1.243
Ambarzumjan, Viktor A. 60
Andrejew, Leonid N. 160
Andronow, Alexander A. 47f, 167, 177, 237
Apirin, Arkadi 0.132
Babel, Isaak E. 161
Bedny, Demjan 54
Berija, Lawrenti P. 52, 239, 249, 257, 271, 274
Blochinzew, Dmitri I. 103, 105, 122-129
Bohr, Niels 4, 9, 81, 83, 87, 92, 159, 197
Bolzano, Bernard 45
Born, Max 87, 107, 265ff
Bothe, Walther 87
Botschwar, Andrej A. 241 Boyce, Joseph C. 223ff
Brjussow, Valeri J. 160
de Broglie, Louis V. 151
Bronstein, Matwej P. 1ff, 7, 12ff, 20, 24ff, 35, 38, 56, 60, 72, 79, 84, 86, 88f, 90-97, 121f, 157-170, 174, 184, 195, 281-291
Bucharin, Nikolai 1.98, 100, 112, 114, 140f, 159, 204
Bulgakow, Michail A. 44
Bursian, Viktor R. 87, 207
Cavendish, Henry 75
Chaikin, Semjon E. 47, 167, 223
Chalatnikow, Isaak M. 196, 274
Christianowitsch, Sergej A. 241
Chrustschow, Nikita S. 28, 264, 273
Danin, Daniil S. 27
Deborin, Abraham M. 53, 150
Dirac, Paul A. M. 197
Diwilkowski, Maxim A. 103-107, 109f, 117f, 128f
Dreiser, Theodore 10
Dzierzynski, Felix E. 188
Ehrenfest, Paul S. 68, 140
Einstein, Albert 9, 74-77, 80-83, 87f, 92, 95, 135, 239, 288
Engels, Friedrich 262
Fabrikant, Valentin A. 168
Feinberg, Jewgeni L. XU, 47, 117, 130
Feuchtwanger, Lion 98
Filippow, Michail I. 128f
Finkelstein Boris N. 87, 199
Fock, Wladimir A. 60, 87, 136, 142, 144, 147ff, 151, 177, 237, 240, 250, 270, 272
Frank, Ilja M. 99, 114, 117, 130, 226
Frederix, Wsewolod K. 207
Frenkel, Jakow I. 38, 87, 136, 140f, 142, 144, 147, 161, 195, 237f
Friedman, Alexander A. 95
Frumkin, Alexander N. 243
Galilei, Galileo 37, 73, 92, 288
Galperin, F. M. 105f, 175
Gamow, Georgi A. 7, 11, 17, 34f, 37f, 49f, 54-69, 84, 142, 195
Gause, G. F. 168
Geiger, Hans 87
Gessen (Hessen), Boris M. 33, 37f, 41f, 43, 46ff, 50-53, 101-114, 116f, 119f, 121, 123, 126, 132f, 209, 246, 253f
Ginsburg, Vitali L. 47, 117, 237f
Gogol, Nikolai W. 148
Gorbunow, Nikolai P. 144ff
Gumiljow, Nikolai S. 86
Hawking, Stephen W. 6
Heisenberg, Werner 87, 177
Higgs.PeterW. 288
Houtermans, Friedrich G. 197. 221, 268
Hubble, EdwinP.95f
Iwanenko, Dmitri D. 38, 84, 87, 195-199, 235, 237
Jagoda, Genrich G. 99, 102
Jaroslawski, E. M. 114
Jeshow, Nikolai I. 152, 187, 206
Jessenin, Sergej A. 161
Joffe, Abraham F. X, 37, 56, 58, 60-69, 136, 140, 142, 144-148, 160, 197, 237f, 241ff
Kaftanow, Sergej W. 242
Kagan, W. F. 37
Kaganowitsch, L. M. 114
Kamenew, Lew B. 132
Kapitza, Anna A. 272
Kapitza, Pjotr L. X, 7, 108, 151, 189, 193, 208, 210, 215, 217, 222, 226, 238, 243, 249, 256-272, 274
Karpow, Georgi G. 284
Karjew, Nikolai A. 132
Kartschagin, W. A. 233
Kasso, Lew A. 99, 248
Kasterin, Nikolai P. 136ff, 145, 147f, 243
Kedrow, Bonifati M. 9
Kerenski, Alexander F. 120
Kessenich, Wladimir N. 235-237, 245
Kirow, Sergej M. 18, 47, 103, 201, 207 Klein, Oskar 93
Kolman, Ernst J. 36-40, 41f, 44ff, 53f
Kolmogorow, Andrej N. 243
Konobejewski, Sergej T. 231-236, 245-247, 252ff
Koretz, Moissej A. 192, 194, 198, 200, 203-211, 217
Krshishanowski, Gleb M. 147 Krutkow, Juri A. 87, 207
Krylow, Alexej N. 56, 58f, 140, 243, 254
Landau, Lew D. 4, 12, 35, 38, 56, 60, 64, 84, 87, 92f, 96, 107f, 124, 165, 184, 189-194, 196-219, 226, 238, 244f, 256-265, 267ff, 273-280, 282f
Landsberg, Grigori S. 47, 99, 101, 103, 105f, 110f, 116, 121, 125f, 132, 233, 237, 254
Lasarew, Pjotr P. X, 99, 187
Lebedew, PjotrN.99, 248
Leipunski, Alexander 1.197, 199, 221
Lenard, Philipp 136 Lenin, Wladimir I. 247, 267, 276
Leontowitsch, Michail A. 47, 114, 233, 237f, 245, 250
Lifschitz, Jewgeni M. 194, 202
London, Jack 176
Lorentz, Hendrik A. 74
Lupandin, Nikolai N. 284
Lwow, Wladimir E. 3, 6, 9-31, 152, 273
Lyssenko, Trofim D. 22, 27, 114
Majakowski, Wladimir W. 160
Majorana, Ettore 287
Malenkow, Georgi M. 271
Mandelstam, Leonid 1.34, 47, 61f, 99, l0lf, 125f, 232f, 237ff, 241ff, 248
Mandelstam, Ossip E. 62, 161, 166
Markow, Moissej A. 124, 237f
Marschak, Samuil J. 89
Marx, Karl 247, 262
Masch, David I. 103, 109f, 120f, 129
Maximow, Alexander A. 37-40, 49, 147, 153-156, 237
Migulin, Wladimir W. 130
Minkowski, Hermann 74
Mitin, Mark B. 147
Mitkewitsch, Wladimir F. 61, 136, 138-152
Mlodsejewski, A. B. 49, 233
M011er, Christian 220ff
Molotow, Wjatscheslaw M. 17, 193, 250, 268f, 279
Newton, Isaac 75f, 80
Nikiforow, P. I. 61f
Nosdrew W. F. 237, 245
Obreimow, Iwan W. X, 203, 250
Okun, Lew B. 288f
Oppenheimer, J. Robert 222
Papalexi, Nikolai D. 99, 114, 238, 243
Pasternak, Boris L. 291
Pauli, Wolfgang 55, 87, 93, 159
Pawlow, Iwan P. 244
Peierls, Jewgenia N. 2, 86
Peierls, Rudolph 86, 197
Pjatakow, Georgi L. 112
Pjatigorski, Leonid M. 190, 194, 204f
Planck, Max 78f, 81
Pohl, Richard W. 107, 109
Poincare, Henri 74
Pontrjagin, Lew S. 167
Predwoditelew, Alexander S. 231,
234f, 237, 241-250, 252
Puschkin, Alexander S. 287
Raskolnikow, Fjodor F. 218
Rehbinder, Pjotr A. 99
Reisen, Arkadi M. 132f
Repin.Ilja J. 160
Rjabinin, J. N. 197, 199
Römer, Olaf 73
Rosenfeld, Leon 59
Rosenkewitsch, Lew V. 192f, 198, 203
Roshdestwenski, Dmitrij S. X, 56, 59, 61, 63f, 67
Rumer, JuriB. 103, 105-108, 110, 124, 127, 194, 209ff, 216f, 221
Rutherford, Ernest 81, 258
Rykow, Alexej I. 98, 100, 112, 114
Rytow, Sergej M. 47, 238
Sabolotzki, Nikolai 284
Sacharow, Andrej D. 11, 47, 278, 289, 291
Schapiro, Jakow E. 284
Schmidt, Otto J. 53
Scholochow, Michail A. 114
Schostakowitsch, Dmitri D. 12
Schubin, Semjon P. 121f, 157-170, 174, 184, 287
Schubnikow, Lew W. 184, 192, 197f, 200, 203, 216, 267
Semjonow, Nikolai N. 62, 69, 210, 225, 243
Sinelnikow, Kirill D. 197, 199
Sinowjew, Grigori J. 132
Slansky, Rudolf 52
Sobolew, Sergej L. 114
Sokolow, Arseni A. 235, 237, 245
Solshenizyn, Alexander 1.291
Sommerfeld, Arnold 166
Sostschenko, Michail M. 161
Spilrein.J. N.142
Stachanow, Alexej 178f
Stalin, Jossif W. IX, 35, 37, 98, 104f, 111, 115, 190, 218, 232, 271, 275
Stanislawski, Konstantin S. 68
Stark, Johannes 136
Tamm, Igor E. 47, 50ff, 99, 101, 103, 105ff, 110, 116-121, 123ff, 127, 132, 136, 144, 157, 164f, 226f, 223, 237, 245, 254
Tamm, Leonid E. 50, 110, 116ff
Terletzki, Jakow P.237
Timirjasew, Arkadi K. 39ff, 136ff, 145, 149, 233, 237, 243
Timirjasew, Kliment A. 39, 49
Tolstoi, Alexej N. 114
Trapesnikowa, Olga N. 199
Trotzki, Lew D. 26, 100, 169
Tschechow, Anton P. 44
Tscherenkow, Pawel A. 99, 117, 226
Tschukowskaja, Lydia K. 161, 281, 284f, 289-292
Tschukowski, Kornej I. 161
Twardowski, Alexander T. 19
Ulrich, W. W. 133
Wawilow, Nikolai 1.47, 98ff, 102f
Wawilow, Sergej I. X, 47, 54, 56, 63-66, 113f, 116f, 125ff, 131, 136, 142, 144, 160, 233, 250
Weissberg, Alexander 203, 208
Wernadski, Wladimir I. 56, 61, 67, 69
Welikin, Boris A. 285f
Wheeler, John A. 93
Winogradow, I. M. 59, 61
Witt, Alexander A. 47, 121f, 157-170, 175-183, 287
Wlassow, Anatoli A. 233, 235, 237, 242
Wolgin, Viktor P. 58
Wolkenstein, Michail W. 237
Wonssowski, Sergej W. 164
Wul, Benzion M. 99, 103, 113-116, 119, 129
Wyschinski, Andrej J. 114
Ziolkowski, Konstantin E. 129
Zwetajewa, Marina 1.161